Stute, Hengst oder Wallach – wie finde ich das richtige Pferd?

Welches Pferd ist das richtige?

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Das Wesen beziehungsweise der Charakter eines Pferdes hängt nicht nur von dessen Rasse und Zuchtlinie ab, sondern auch vom Geschlecht. Stuten haben zum Teil ein anderes Verhalten als Wallache und erst Recht im Gegensatz zu Hengsten. Wie nun aber das richtige Pferd finden? Lassen Sie sich nicht von den geschlechtsspezifischen Eigenarten verunsichern. Wer sich genau informiert, wird schnell wissen, welches Pferd das Richtige ist und worauf bei den Unterschieden zu achten ist.

Warum ist das Geschlecht des Pferdes so wichtig?

Je artgerechter und naturnaher Pferde gehalten werden, desto klarer lassen sich die geschlechtsspezifischen Eigenarten in ihrem Verhalten erkennen. Der individuelle Charakter hängt zwar zum Teil vom Geschlecht ab, aber eben nicht nur. Daneben spielen zahlreiche andere Faktoren, wie etwa die Rasse, das Alter, die Aufzucht und nicht zuletzt die Lebensumstände eine viel größere Rolle.

Hauptsächlich beziehen sich auf das Pferdegeschlecht gewisse Vorurteile. Zum Beispiel besagt ein altes Sprichwort: “Der Reiter bittet die Stute, befiehlt dem Wallach und konsultiert den Hengst.“

Ganz so einfach ist es natürlich nicht, aber es lässt sich schon hier eine gewisse Tendenz erkennen. Der Umgang mit dem Pferd richtet sich durchaus an seine geschlechtliche „Gesinnung“, wenngleich in erster Linie in Hinblick auf die Haltung und Einsatzmöglichkeiten. Darüber hinaus haben Stute, Hengst und Wallach eine Menge Gemeinsamkeiten.

Das Geschlecht wird dann wichtig, wenn sich bestimmte Anforderungen daran orientieren:

  • Zur Zucht selbstverständlich
  • Für bestimmte Sportarten
  • Für soziale Aufgaben
  • Generell zur privaten Haltung

Tatsächlich gibt es Reitvereine, die Hengste ablehnen. Aber auch auf Turnieren, zu Lehrgängen und anderen Anlässen muss das Geschlecht berücksichtigt werden. Eine rossige Stute kann genauso kompliziert werden, wie der liebestolle Hengst. Nur der Wallach scheint immer die Ruhe in Person zu sein. Doch stimmt das? Ist dies überhaupt gewollt?

Unterschiede in der Pferdehaltung in Bezug auf das Geschlecht

Pferde Reitpferde

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Wenn nicht unbedingt gezüchtet werden soll, sind rossige Stuten von Hengsten fernzuhalten. Warum sich dann überhaupt einen Hengst anschaffen? Ganz klar: Ihr imposantes Gehabe spiegelt sich in den Gangarten wider und manche Reiter lieben es einfach, mit ihrem Hengst einen kraftvollen Reitstil zu pflegen. Was nicht heißt, dass ein Wallach oder eine Stute dabei nicht mithalten könnten.

Mit den Unterschieden kristallisieren sich beim Reiter vor allem gewisse Vorlieben heraus. Meistens ist die Frage nach dem richtigen Pferd dann tatsächlich auch eine nach dem Geschlecht.

Die Stute – Diva und weiblicher Beschützer

Es scheint generell an den weiblichen Hormonen zu liegen, dass die Damen dieser Welt eher mal den Titel „Zicke“ verdienen. Tatsächlich können bei Stuten häufiger Auseinandersetzungen untereinander beobachtet werden als bei ihren Geschlechtspartnern. Dafür sind diese Konflikte in der Regel recht harmlos. Anstatt die Hufe zu werfen, drücken Stuten ihre Kontrahentinnen einfach weg oder verwarnen sie. Meistens ist dazu ein arttypisches Quicken zu hören.

Ist die Stute rossig oder führt ein Fohlen bei sich, wird sie deutlich offensiver vorgehen. Die Hormone steuern hier ganz klar, welche Priorität Vorrang hat: Der Beschützerinstinkt, der Sexualtrieb oder vielleicht auch einfach nur der Drang sich in der Herdenhierarchie zu behaupten.

Aber auch ihr Spielverhalten unterscheidet sich von dem der männlichen Tiere. Stuten zeigen oftmals mehr „Manieren“ beim Spielen, was womöglichen an ihrem großen Verantwortungsbewusstsein liegt. Selbst den Menschen gegenüber, insbesondere bei Kindern, wird dies deutlich. Stuten bewegen sich teilweise bedachter. Sie können jedoch auch recht stur werden oder sogar beleidigt sein, wenn das Geschehen nicht ihren Vorstellungen entspricht.

Einige Pferdekenner behaupten allein an den Augen zu erkennen, ob es sich um eine Stute handelt. Etwas wissenschaftlicher ist der Blick auf den gesamten Körperbau. So ist der Hals zum Beispiel weniger stark ausgeprägt als bei einem Hengst der gleichen Rasse.

Von den Leistungen her steht die Stute den Pferdeherren in Nichts nach. Sie bringt vielleicht etwas weniger Gewicht und Muskelmasse mit, aber gleichermaßen Ausdauer und Können.

Der Hengst – Macho und Charmeur

Wenn es darum geht sich einen Hengst anzuschaffen, schrecken einige Reiter von dem vermeintlichen Temperament der Herren zurück. Andere reizt genau das. Allein wie sie sich auf der Koppel zur Schau stellen, posen und zeigen, wer hier der Chef ist, wirkt durchaus beeindruckend.

Die Gangarten eines geschulten Hengstes sind zum Teil schwungvoller, Kopf und Hals sind stark ausgeprägt, das ganze Erscheinungsbild strahlt Kraft und Eleganz aus. Die Natur hat sich dabei tatsächlich etwas gedacht: Mit seinem aggressiv und selbstbewusst wirkenden Verhalten soll der Hengst Angreifer und Konkurrenten abschrecken, noch bevor es zu Verletzungen kommt. Daher provoziert ein Hengst auch gerne mal Reiter und Trainer.

Wer sich für einen Hengst entscheidet, sollte im Idealfall viel Erfahrungen im Umgang mit Pferden haben und sich ihnen gegenüber behaupten können. Gerade in einer Beziehung zu einem Hengst muss eindeutig geklärt sein, wer das Sagen hat. Es entwickelt sich eine Hierarchie, die immer wieder auf den Prüfstand gestellt wird. Begegnet der Reiter dieser mit Souveränität und Konsequenz, wird der Hengst mit Vertrauen antworten. Denn sind die Grenzen einmal klar abgesteckt, sind selbst die temperamentvollsten Hengste handzahm, zutraulich und unheimlich verschmust. Sie können sogar wahre Gentlemen sein.

Gestört wird das Vertrauen dann nur von den männlichen Hormonen. Ist eine rossige Stute in der Nähe, ist die Liebeslust kaum mehr zu zügeln – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Reiter von Stuten und Hengsten müssen sich daher möglichst gut abstimmen, um den Tieren ihr artgerechtes Verhalten nicht zur Last werden zu lassen.

Der Wallach – sanftes Wesen mit einem Hauch Männlichkeit

Mit der Kastration wird der Hengst zum Wallach, der Macho zum Lämmchen, oder im Fachjargon: er wird „gelegt“. Welche Auswirkungen das auf sein Wesen hat, entscheidet der Zeitpunkt der Kastration. Für Gewöhnlich werden die Junghengste mit Erreichen der Geschlechtsreife beziehungsweise im Alter von etwa drei Jahren kastriert. Zu diesem Zeitpunkt ist ihr Körperbau vollends entwickelt und ihre Dominanz noch nicht allzu stark ausgeprägt, insbesondere wenn noch kein Deckakt vollzogen wurde, sprich der junge Hengst noch gar nicht weiß, was er verpasst.

Im Idealfall konnten die jungen Pferde bis dahin in Gruppen ihr soziales Verhalten artgerecht ausleben und entwickeln dieses auch als Wallach in der Herde zu einem umgänglichen Miteinander.

In einigen Fällen wird bewusst länger mit der Kastration gewartet, wenn nicht sogar so lange hinausgeschoben wie möglich. Gründe dafür können zum Beispiel der Verkaufswert sein oder auch, dass sich der schwungvolle Gang weiter entwickeln soll. In Folge dessen prägt sich das hengsttypische Verhalten parallel mit aus und wird durch die Kastration nicht einfach so wieder verschwinden. Spät kastrierte Wallache zeigen zum Beispiel immer noch reges Interesse an Stuten, wenngleich ohne Erfolgsaussichten.

Grundsätzlich gelten Wallache als besonders sozial, entspannt und umgänglich. Gerade die früh kastrierten haben bis ins hohe Alter einen großen Spieltrieb, den sie von ihren jungen Jahren beibehalten haben. Keine Hormone, die zum Stress führen, keine Verantwortung für den Nachwuchs und auch innerhalb der Herde sowie in Zusammenarbeit mit den Menschen gliedern sich Wallache sehr gut ein.

Allerdings gelten einige von ihnen auch als deutlich ängstlicher im Gegensatz zu Stuten und Hengsten. Eventuell weil sie sich nie in solch einer Rolle behaupten mussten. Durch Training, soziale Kompetenz sowie eine artgerechte Haltung, ist ein Wallach letztlich nicht minder leistungsstark, hingebungsvoll und zuverlässig als Hengste und Stuten.
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Stute, Hengst und Wallach: Geschlechtermanagement im Pferdealltag

Wallache sind bei der Haltung und Herdenaufteilung relativ problemlos, zumindest wenn sie nicht gerade persönliche Differenzen mit einem der Artgenossen haben. Daher werden sie gerne als „Puffer“ eingesetzt, wenn Stuten und Hengste nicht direkt aufeinander treffen sollen. Sie halten die Hormone etwas auf Abstand, während sie selbst davon so ziemlich unbeeindruckt bleiben. Dies ist besonders wichtig, wenn im Stall, auf der Koppel oder zu Veranstaltungen verschiedene Pferde zusammen kommen und kein Raum für naturgemäße Auseinandersetzungen ist.

Stall- und Herdenordnung: So wird nach Geschlecht aufgeteilt

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Stuten und Wallache zusammenzustellen, ist in der Regel kein Problem. Pferde sind Herdentieren, lieben es sich auch im Stall über die Boxen hinweg beschnuppern zu können und sich auf der Koppel mit Spielen und ausgiebiger Pflege die Zeit zu vertreiben.

Hengsten geht es da nicht anders. Einen Hengst in die Box neben einer Stute zu stellen, kann gut gehen. Spätestens wenn diese aber rosst, war’s das. Also wird die Hengstbox meist am Rand gewählt und unmittelbar daneben ein Wallach eingestellt. Im Idealfall muss die rossige Stute so auch nicht vor seiner Nase lang laufen und ihn noch zusätzlich provozieren.

Das Gleiche gilt für den Weidengang. Auch hier gilt es, so viel Stress wie möglich zu vermeiden. Die Hengste selbst kommen untereinander meistens recht gut klar, ebenso mit Wallachen. Sympathien werden ganz individuell entwickelt, ebenso Konflikte. Durch Beobachten und ausreichend Möglichkeiten, eventuelle Konflikte zu klären, festigt sich die Herdenstruktur.

Für kleinere Vereine stellt diese Struktur jedoch ein Platzproblem dar. Häufig existieren nur wenige Boxen nah beieinander. Kein Wunder, dass Hengste in kleinen Ställen nicht wirklich gern gesehen sind. Und immerhin wollen auch sie Kontakt zu ihren Artgenossen und nicht irgendwo alleine stehen müssen. Ein liebestoller Hengst lässt sich jedoch nicht unbedingt von einem zierlichen Stromzaun aufhalten.

Idealerweise werden die Koppeln ohnehin mehrfach im Jahr gewechselt und bei entsprechender Fläche kann die Geschlechtertrennung problemlos mit ausreichend Weidefläche einhergehen. Sind jedoch nur begrenzte Flächen verfügbar, sollte bei der Wahl für das richtige Pferd besser zweimal überlegt werden, um auch wirklich eine artgerechte Haltung zu gewährleisten.

Platz, Halle und Ausritt: Wer darf mit wem trainieren?

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Sind Stall und Koppel einmal geklärt, bleibt noch das gemeinsame Training der Reiter abzustimmen. Idealerweise herrscht auf dem Reitplatz oder in der Halle ein genauer Zeitplan, an den sich alle halten. Zu viele Tiere würden sich nur gegenseitig behindern und ablenken. Das Geschlecht wäre dabei geradezu irrelevant.

Gut erzogene Hengste und Stuten können sich aber durchaus gemeinsam auf dem Carré aufhalten. Wenn jeder in sein Training vertieft ist, rücken Herdenhierarchien und Sympathien in den Hintergrund. Gegen einen gemeinsamen Ausritt spricht damit auch nichts.

Allerdings gelten rossige Stuten wie so oft als Ausnahme. Schließlich möchte kein Reiter plötzlich einen Hengst hinter sich am Sattel haben. Liegen zudem auf dem geplanten Ausritt weitere Koppeln mit Pferden, gilt bei Hengst-Reitern und denen die mit einer rossigen Stute unterwegs sind, besondere Vorsicht.

Rücksicht nehmen bei Turnieren

Nicht nur bei den ganz großen Veranstaltungen muss ein gut abgestimmter Stallplan her. Dazu übernimmt in der Regel der Stallmeister die Aufteilung. Damit die sich fremden Pferde in der ohnehin aufregenden Situation nicht unnötig stressen, werden Hengste und Stuten grundsätzlich nicht nebeneinander gestellt. Mindestens ein Wallach sollte dazwischen für Harmonie sorgen.

Wer also vorhat an Turnieren teilzunehmen, muss sich darauf gefasst machen. Aber auch die Organisatoren sind vorbereitet und lösen solche Aufgaben mit viel Erfahrung und Expertise. Letztlich kann ein störrischer Wallach genauso kompliziert zu handhaben sein, wie ein sonst absolut lieber Hengst.

Das richtige Pferd – eine Frage des Geschlechts?

Aus all dem ergibt sich, dass die Frage nach dem richtigen Pferd beziehungsweise nach dem geeigneten Geschlecht leider meistens schon vorab durch die Platzverhältnisse vor Ort beantwortet wird. Wer sich davon trotzdem nicht beeindrucken lassen will, muss gegebenenfalls einen anderen Stall finden oder genau abklären, welche Möglichkeiten realistisch sind.

Heutzutage werden hormonell bedingte Verhalten jedoch nicht nur mittels Kastration gelöst – auch Hormonspritzen und medikamentöse Behandlungen sind für Hengste und Stuten gleichermaßen zulässig. Damit ließe sich zum Beispiel die Rosse in Vorbereitung auf ein Turnier unterdrücken.

Am Ende entscheidet die individuelle Vorliebe für ein Pferd. Einige Reiter haben mit Stuten vielleicht weniger gute Erfahrungen gemacht und bevorzugen Wallache. Andere bekommen gar nicht genug von Hengsten und wieder andere lieben das Gemüt der Stuten. Wo das Herz halt hinfällt…

Darüber hinaus sollten sich die künftigen Pferdebesitzen genau im Klaren sein, welche Ansprüche sie an ihren neuen Liebling stellen. Viel eher ist dann nämlich die Rasse ausschlaggebend und eher weniger das Geschlecht.